Aus Bern – aktuelle Meldung: Zitieren als Reinform

Ein absolut lesenswerter Text zu diesem topaktuellen alle Berner betreffenden Thema,

Gestern Abend, Belluard Fribourg, Eröffnungsstück im gfrörligen Halbdraussen: «Holiday on Stage – Last Days of Luxury» von Martin Schick und Damir Todorović. Mein alternativer Titelvorschlag: «Vom Überleben und Anpassen der Künste und ihrer Ausführenden im Spätkapitalismus – The European Artists Decadence».

Es gibt ja diese Stücke, die sind während dem Schauen so mittelmässig, gewinnen aber, je länger man über sie spricht oder nachdenkt. «Holiday on Stage» ist keines davon. Während der Aufführung war ich regelrecht begeistert von den Zitatfesten, habe mich gekringelt vor Lachen ob dem Wettbewerb der Darstellenden untereinander, konnte mich kaum halten vor lauter Freude an der auf die Spitze getriebenen Langweile. Im Zug zurück nach Bern ist mir aber mehr und mehr bewusst geworden, dass mich das Stück mit genau nichts zurückgelassen hat. Oder war das die Absicht? Nochmal von vorne.

Schick und Todorović erhalten eine Auszeichnung und halten eine Dankesrede. Es folgt der Abspann, es folgt Applaus, es folgt der ein zweiter Anfang des Abends, der auf einem Bühnenbild aus lauter Backstage (Sofa, Staubsauger, Kleiderstange) stattfindet. Es wird gefeiert, sich als Künstler, die erfolgreiche Zusammenarbeit gelobt, die Union, alles höchst demokratisch. Es ist gut so. Und jetzt? Jetzt wird zitiert, was das postmoderne Zeug hält, von Filmtiteln über Sitcoms und Reden bis hin zu Tanzposen. Langweile ist das, oder eben gerade nicht, es ist die angespannte Langeweile des nichts Neuen aus dem Westen, die Repetition der bekannten Phrasen und Formen, die gleichen alten Witze wie immer, und das höchst bewusst.

Aber irgendwann kommt das Latein der Zitate an sein Ende, wiederum «Und jetzt?» (die Phrase beschreibt einen weiten Teil der Phrase sowie der gegenwärtigen europäischen Ratlosigkeit ganz gut, finde ich) Die dramaturgische Rettung des Abends und die wirtschaftliche Rettung Europas zugleich kommt aus Asien, ein hochqualifizierter Arbeiter (in diesem Falle Tänzer aus Korea, welchem, das sagt er nicht) taucht auf – er möchte auch Künstler sein und darf sich nach Eignungstest auf das Sofa setzen. Dasselbe passiert zwei weitere Male mit einer jungen europäischen Frau und einem jungen schwarzen Mann. Das Sofaboot ist jetzt doch ein bisschen eng, und so wird auf verschiedene Arten zu eruieren versucht, wer gehen muss und bleiben darf.

So satirisch und fast böse der Abend gehalten ist, so schön die Parallelen zwischen Künstler_innendasein und Europa gezogen werden, so simpel mir die vermeintlich komplexen Verhältnisse in der Welt wieder einmal aufgezeigt worden sind: Die Ferien auf der Bühne haben mich eher in geistige Ferien gefahren als mich auf irgendeine Weise anzuregen.

P.S: Ich war derart mit Lachen beschäftigt, dass ich das Fotografieren vergessen habe. Darum hier ein metaphorisches Ersatzbild (leider ohne Photoshop).

«Holiday on Stage» läuft noch am 3. Juli, 22:00 am Belluard und kommt im Oktober in die Dampfzentrale Bern.

Hier der Link zum Ursprung des Artikels:
«KulturStattBern»

Dieser gelungene Bericht behandelt das Thema in unterhaltsamer und doch lehrreicher Art und Weise.

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