News aus Bern: 2023… die arbeiten wollen

Dieser Artikel bringt es genau auf den Punkt.

Herzlichen Glückwunsch, ich kann noch schreiben und ihr könnt noch lesen, ergo haben wir alle den 21. Dezember überstanden. Die Welt ist nicht untergegangen und weil sich auch die Götter noch nicht zu einer Rückkehr durchringen konnten, widmen wir uns heute dem Thema „Der Arbeitnehmende der Zukunft“. 

Im Titel erkennen ältere Leser die sanfte Persiflage zum Film „2022… die überleben wollen“ in welchem sich Charlton Heston schon vor 40 Jahren, auf Zelluloid gebannte Gedanken über die Zukunft machte. Doch anstatt der leicht widerlichen Nahrungsmittelgewinnung, wie sie im Film dargestellt wird, will ich der Frage nach dem Arbeitnehmer der Zukunft nachgehen und die Gedanken dahin gehend schweifen lassen. Nun sind Prognosen und Zukunftsblicke immer schwierig und mit allerlei Spekulation behaftet. Daran verzweifeln mitunter selbst gestandene Meteorologen, die Wirtschaftsweisen und sämtliche Systemlottospieler. Dennoch lassen sich immer gewisse Tendenzen erkennen und das ist doch schon mal ein wenig Licht im dunkeln Tunnel der Prophetie.

Wie sieht er/sie denn nun aus, der/die Arbeitnehmende in 10, 15 oder 20 Jahren? Wie viel Robotik verträgt die Arbeitswelt? Wie viel Human Power wird durch Automatisierung an den Rand gedrängt? Halten wir stur an Fünftage- und 42 Stundenwoche fest und wann verdrängt AI den menschlichen IQ? (Artificial Intelligence versus Intelligence Quotient) Niemand kann es mit Gewissheit sagen und wenn uns die Vergangenheit eines lehrt, dann dass der stete Wandel die einzige Konstante ist. Was gestern neu war, kann heute bewährt sein, aber muss schon morgen nicht mehr zwingend gelten. Klar ist, dass Automatisierung und Robotik weiterhin zunehmen und dementsprechend Arbeitsplätze kosten. Wer hat in letzter Zeit seinen Telekom Anbieter kontaktiert und dabei mehr als nur eine holprige Tonbandstimme gehört, die einem, nervtötend, durch die begrenzten Auskunftsschemas lotste? Wo ist sie denn hin, die Gebieterin der Warteschlaufe, die man noch gepflegt zusammenstauchen konnte, weil man wieder mal zu blöd war sein Handy zu bedienen oder sich partout nicht an die, seit Monaten, unbezahlte Rechnung erinnern kann?

Passabene? Subito? Nie gehört oder nur noch nicht? Aah, Moment mal, da war doch was mit Kasse und Vereinfachung, gute Sache, gell? Genau liebe Leute, unsere Detailhandelsmultis träumen davon ihre Kassierer/innen samt und sonders weg zu automatisieren. Dabei wird alles an den hochgeschätzten Konsumenten delegiert und der findet das Ganze noch sowas von supermodern, ohne zu merken, dass er, mit seinem Trendy-Buying, gerade Lieschen Müller von der Kasse und der Gehaltsliste „weggeposchtet“ hat. Und wie wird uns diese neueste Attacke gegen humanoide Arbeitskraft von den orangen und andersfarbigen Riesen verkauft und angepriesen? Genau, als ultimatives Geschenk an Kundenfreundlichkeit und Service, hurra! Wer’s nicht glauben will, der möge sich in der heiteren Wegleitung vor allem Punkt 3 genau ansehen. Da sieht Lieschen Müller irgendwie ziemlich vertechnisiert aus, nicht wahr?

Nun will ich hier nicht profanes Einzelhandelsbashing betreiben, sonst wäre ich kein M besser als ein querulierender Cumulus- und Supermegahyperweissnichtwasfürpunkte Verweigerer. Daher ist es lediglich ein Beispiel, wie wir uns schleichend und unaufhaltsam, kopfnickend und bereitwillig wegrationalisieren lassen, ohne es zu realisieren. Fortschritt duldet nun mal keine Sentimentalitäten, zu unser aller Wohl, bis wir schreien vor Glück.

Wer kann schon verbindlich orakeln, was in den Alchemiestuben der Effizienzsteigerer und Rationalisierer noch so alles gebraut wird und im Stillen vor sich her blubbert. Ich kann es jedenfalls nicht, aber wenn ich schon den Arbeitnehmer der Zukunft nicht zu umschreiben vermag, dann doch immerhin den Arbeitsmarkt. Und was ich da in meiner virtuellen Kristallkugel erblicke, hat es wahrlich in sich.

Der Arbeitsmarkt der Zukunft lässt sich ganz simpel mit zwei Zauberworten umschreiben: Demografischer Wandel und Geduld. Doch der Reihe nach, um es zu begreifen muss erst ein Blick auf das Heute geworfen werden. Was geht denn auf dem aktuellen nationalen und europäischen Arbeitsmarkt ab? Richtig, kontinentale Rekordarbeitslosigkeit, einhergehend mit dem Phänomen einer absurd hohen Jugendarbeitslosigkeit. Diese hat inzwischen auch die Schweiz erreicht und wir stehen ihr völlig ratlos gegenüber. Wir mögen zwar mit 3.5 Prozent noch verhältnismässig gut dastehen im Vergleich zum Euroraum, denn da pendelt sie zwischen 7 bis 46 Prozent und erreicht im Mittel knapp 22 Prozent. In diesen Zahlen steckt das wahre Dynamit, ein Schreckgespenst sondergleichen, ein Nord/Süd-Gefälle und im eigenen Land tut sich ein Romandie/Deutschschweiz-Graben auf. Nicht zu vergessen, die gleiche Tragödie spielt sich auch am andern Ende der Nahrungskette ab, das 50+ Dilemma. Aber bleiben wir erst mal bei der Jugend. Wie entsteht denn eine solche Jugendarbeitslosigkeit? Nun, auch das ist eine relativ simple Geschichte. Der Zyniker könnte sagen, es gibt einfach zu viele Jugendliche und für die Gegenwart hat er sogar recht. Aber in Tat und Wahrheit gibt es, schlicht und ergreifend, zu wenig Arbeit für zu viele Hände. Die noch vorhandene Arbeit wird dementsprechend vom Markt auf die geeignetsten Hände verteilt und die sind nun mal zwischen 25 und 45 Jahre alt. Der ideale Marktteilnehmer ist  heute 30 jährig, hat 25 Jahre Berufserfahrung und er knallt seine 5 Diplome wie einen Royal Flush auf den Schreibtisch des begeisterten HR-Spezialisten. Das ist wie Schweizer Fleisch; alles Andere ist Beilage.

So erleben wir den Arbeitsmarkt der Gegenwart in der Schweiz und auch in allen anderen Industrieländern. Aber aufgepasst, das wird nicht so bleiben und jetzt greift das erste Zauberwort ins Geschehen ein; der Demografische Wandel. Der kommt, so sicher wie das Amen in der Kirche und er kommt schneller und heftiger als wir es uns vorstellen können. Das hat Claude Koehl in ihren Blogs „Demografie-Management“  (http://blog.kvbern.ch/2012/11/26/demografie-management/) und „Arbeitnehmende 50+“ (http://blog.kvbern.ch/2013/01/14/arbeitnehmende-50-2/) vortrefflich umschrieben, wobei sie sich ausschliesslich mit der „50+ Problematik“ befasst. Ihr literarischer Weckruf ist klar, aber er hat leider einen entscheidenden Haken: Den Arbeitsmarkt kümmert das alles (noch) nicht. Wie jeder Markt unterliegt auch der Arbeitsmarkt nur einem einzigen Gesetz; dem von Angebot und Nachfrage. Das Angebot an Arbeitskräften ist zu gross, das Angebot an Arbeit zu klein, ergo fallen zuerst diejenigen aus dem Prozess, die auf diesem Markt unter Beilage fungieren. Das sind in diesem Fall speziell Jugendliche unter 25 Jahren, sowie die Jobdinos der 50+ Fraktion. Kein HR-Fuzzi und auch kein Personalverantwortlicher, der halbwegs bei Trost ist, wird sich den Stress antun, sich mit ober- und untergrenzigen Mitarbeitern herumzuschlagen, solange er nicht muss. Das kann man in jedem Stelleninserat gezielt nachlesen, auch wenn die Offensichtlichkeit leicht dezenter daherkommt, als noch vor ein zwei Jahren. Klingt brutal und mit Verlaub, das ist es auch, nur lässt sich die Veränderung nicht von heute auf morgen erzwingen; aber sie kommt, knüppeldick und hammerhart.

An dieser Stelle ist es an der Zeit für das zweite Zauberwort: Geduld. Nur in Kombination können Geduld und Demografischer Wandel ihre Wirkung auf den Arbeitsmarkt der Zukunft entfalten. Und wie sieht das in der Praxis aus? Nun, der Demografische Wandel wird in etwa 10 Jahren anfangen zu wirken, in 15 Jahren wird er schon kräftig spürbar sein und in 20 Jahren schlägt er voll ein. In 20 Jahren werden auch die letzten Babyboomer in Rente gehen und der Pillenknick entfaltet seine verspätete, Generationen überbrückende, Wirkung. In 15 Jahren wird es keine Jugendarbeitslosigkeit mehr geben, weil es gar keine Jugend mehr gibt, die arbeitslos sein kann. Es ist wie mit einem grossen Fluss der langsam zum Rinnsal schrumpft, weil es in den Bergen zu wenig regnet. Dann wird das Wasser, welches jetzt zu millionen Litern, ungenutzt und im Überfluss ins Meer abfliesst, zum wertvollen, alles entscheidenden Gut. Was unten an Jungen nicht nachkommt, kann sich oben nicht breitmachen, so einfach ist das.

Dasselbe gilt für die unsägliche 50+ Problematik, auch die wird sich dereinst in Luft auflösen. In 15 Jahren sind die heutigen +50ger weg vom Markt, eine riesige Menge an Human Resources die in Rente geschickt wird. In 20 Jahren wird man alles, was sich noch einigermassen auf den klapprigen Beinen halten kann, in den Arbeitsprozess einbinden. Mit Handkuss und Rotem Teppich wird man die ergrauten Helden der Arbeit willkommen heissen, nicht weil man will, sondern weil man muss. Es wird gar keine Intergrations- oder andere arbeitsmarktlichen Massnahmen mehr brauchen, weil sich der Arbeitsmarkt schneller anpassen wird, als ein Chamäleon, das von einem grünen auf einen braunen Ast hüpft. Alle Bemühungen die wir diesbezüglich heute anstreben, auch alle verzweifelten Appelle an die Personalchefs der Gegenwart, müssen ungehört verhallen, weil der Markt dafür weder existent, noch bereit für die Umwandlung ist. Sorry Claude, vergebliche, wenn auch gut gemeinte Liebesmüh, wo es keine oder zu wenig Arbeit gibt, kann man sie auch nicht künstlich schaffen. Das heisst, man kann schon, nur wohin das führt, haben uns Staaten wie die DDR oder die Sowjetunion eindrücklich vorgemacht. Auferstanden aus Ruinen und in dieselbigen auch wieder versunken, nichts funktioniert ohne entsprechenden Bedarf.

Sei’s drum, Arbeitslosigkeit, wie wir sie heute kennen, wird es nicht mehr geben, zumindest nicht in den Industriestaaten der ersten Welt. Auch RAV’s und Sozialämter werden massiv entlastet, weil man sich schon wie ein Elefant im Porzellanladen mit Blindenstock wird anstellen müssen um nicht arbeiten zu können. Das liegt daran, dass es auf der Welt de facto nicht weniger Arbeit geben wird, sondern nur weniger Hände, welche die Arbeit noch verrichten können. „Dr Händsche het kehrt“, wie wir Berner so schön zu sagen pflegen.

Und jetzt, liebe Jungspunde, fangt an zu rechnen: Wer jetzt zwischen 15 und 25 jährig ist, wird in 15 Jahren 30 bis 40 Jahre alt sein. Wer noch jünger ist, wird diese Zeilen kaum jetzt schon zur Kenntnis nehmen, dennoch, der Kindergärteler von heute wird dann 20 sein und die aktuelle Dramatik nur noch vom Hörensagen kennen. Anders ausgedrückt, ihr jungen Menschlein seid im wahrsten Sinn das Gold, die ungeschliffenen Diamanten und der begehrte Rohstoff des Arbeitsmarktes der Zukunft. Man wird sich um euch reissen, ihr werdet euch aussuchen können, was und für wen ihr arbeiten wollt. Alles was ihr braucht ist Geduld und alles was ihr tun müsst ist, nicht nachzulassen und euch eine solide Basis für die goldenen Zeiten zu schaffen. Verliert nicht den Mut, auch wenn die nächsten Jahre für viele noch im Sumpf der Unterbeschäftigung feststecken und es nicht immer einfach sein wird Geduld aufzubringen, eure Zeit wird kommen…

Nun hat leider jede Medaille zwei Seiten, so auch diese. Klar ist, der Arbeitsmarkt wird sich dramatisch verändern und diesmal zu euren Gunsten. Ihr werdet zwar alle Arbeit haben und leben wie die Maden im Speck, dafür spuckt die Kristallkugel auch noch ein paar weniger schöne Begleiterscheinungen aus. Euer Rentenalter wird bei 70 Jahren liegen und irgendwann werdet ihr 20 Prozent eures Lohnes an die AHV abliefern, anders wird die Versorgung der Senioren gar nicht machbar sein. Auch das ist „Part of the Game“ und gehört genauso zum Demografischen Wandel, wie die unaufhaltsame Überalterung der Gesellschaft und die hat nun mal ihren Preis. Aber hey, was soll’s, dafür werdet ihr Arbeit haben die euch auch erfüllt. Korn will geerntet, Güter wollen produziert und Dienstleistungen erbracht werden, wenn’s sein muss noch mit Krückstock und Rollator. Und das ist allemal besser als die Millionen zum Nichtstun verdammten, herumlungernden, frustrierten, sich wertlos fühlenden, tickenden Zeitbomben, welche unsere globalisierte Wohlstandsgesellschaft seit Jahren produziert und noch lange produzieren wird. Keinen Job zu haben heisst irgendwann kein Leben mehr zu haben, alles klar?

Nun, für Leute im Alterssandwich, zu denen auch ich gehöre, wird diese Entwicklung ein wenig zu spät kommen. In 20 Jahren werde ich 66 sein und da fängt ja das Leben, gemäss Udo Jürgens, erst richtig an. Dann werde ich, so Gott will, in den Olymp der AHV aufsteigen, ins Nirvana des Seniorentums eintauchen und in Rente gehen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, genüsslich die Schlagzeilen der Zukunft zu lesen. Dabei werde ich mit der Zunge schnalzen, auf dem Balkon ein Gläschen Wein schlürfen und zu mir sagen: Ja, genau so ist es gekommen und es ist gut; gepriesen sei der Demografische Wandel, hallejuah!

Doch bis es soweit ist, werde ich weiterhin meinen Einkauf im Supermarkt selber aufs Förderband legen und Lieschen Müller wird die Ware, wie immer, über den Scanner ihrer Kasse ziehen. Ich werde sie anlächeln und mir dabei denken, schön dass es dich noch gibt du Perle des Alltags. Sie wird zurücklächeln ohne den Grund meiner Freude zu kennen und sie wird mich auch beim gefühlten sechshundertsechsundsechzigsten Einkauf noch vergeblich fragen: „Händ sie no d‘Cumuluscharte?“

Link zur Quelle des Textes:
KV Bern

Der Verfasser hat das Topic kurz und doch umfassend beschrieben.

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